Interview

Cashew-Anbau für eine nachhaltige Entwicklung im kolumbianischen Hinterland

«Es geht darum neue Wege zu finden um in dieser strukturschwachen, von Armut geprägten Region wirtschaftliche Impulse zu geben»: Ueli Baruffol zur Vision von «Kardianuts» in Kolumbien.

Vor ein paar Wochen ist Ueli Baruffol, Gründer von Pakka, von seinem einjährigen Kolumbienaufenthalt zurückgekehrt. Im Frühsommer 2018 packte er Kind und Kegel, um in Kolumbien eine Cashew-Wertschöpfungskette aufzubauen. Das Unternehmen mit dem Namen «Kardianuts» ist ambitioniert: Bis in ein paar Jahren sollen 2500 Hektar Cashewpflanzen inkl. Verarbeitungsfabrik zahlreichen Familien im ländlichen Vichada im Nordosten von Kolumbien ein Auskommen ermöglichen.

 —– Exportroute per Schiff über den Orinoco durch Venezuela an die Atlantikküste.

Projekt «Kardianuts»

  • Pakka Partner: seit 2018
  • Ort: Kolumbien, Departamento de Vichada, 20 km von Puerto Carreño
  • Ziel: Aufbau einer Modell-Farm in Zusammenarbeit mit lokalen Investoren
  • Anzahl Mitarbeiter: 15 vor Ort, 4 Management
  • Fläche: 2500 Hektar
  • Produkte: Cashews (Hauptfrucht), Erdnüsse, Mangos, Ananas
  • Zertifizierungen: Bio & Fairtrade

Die Anbauflächen von «Kardianuts» befinden sich 20 km östlich von Puerto Carreño im Departamento de Vichada, einem Verwaltungsgebiet im Osten Kolumbiens. Es grenzt im Norden und Osten an Venezuela. Bei einer Fläche 2.5-mal grösser als jene der Schweiz, hat Vichada nur gerade mal 60’000 Einwohner. Die Region wurde vom kolumbianischen Staat jahrelang vernachlässigt und kämpft mit Arbeitslosigkeit und Armut. Im Zuge der politischen Unruhen in Venezuela und der damit verbundenen Migration hat sich die Situation für die Region zusätzlich verschärft.

Zürich, 5. August 2019

«Pakka»: Ueli, wie lässt sich das Projekt «Kardianuts» umschreiben?

Ueli: «Kardianuts» umfasst den Aufbau einer nachhaltig produzierenden Modell-Farm für Bio und Fairtrade Cashews im ruralen Kolumbien. Unsere Vision ist es wirtschaftliche Wertschöpfung und somit Arbeitsplätze in eine sehr strukturschwache Region zu bringen. Ziel ist es auf 2500 Hektar eine Mischkultur aus Cashews und anderen Kulturpflanzen, wie z.B. Erdnüssen, Ananas und Mango, anzubauen. So können wir nicht nur die Bodenqualität verbessern, sondern auch zusätzliche Einkommensmöglichkeiten schaffen. In einem zweiten Schritt soll diese Erfahrung an Kleinbauern weitergegeben und ihnen beim Aufbau von eigenen Betrieben mit ca. 100 Hektar Fläche geholfen werden. Unsere Idee ist, dass «Kardianuts» das Land, Kapital und die technische Unterstützung zur Verfügung stellt und die Bauernfamilien für sich selbst als Kleinunternehmer arbeiten können. Kardianuts wiederum wird Abnehmer ihrer Produkte und verkauft diese im In- und Ausland.

«Pakka»: Und welche Menschen stehen hinter «Kardianuts»?

Ueli: Die Schlüsselperson ist Juan Pablo Muriel, der Gründer und Geschäftsführer von «Kardianuts». 2017 trafen wir uns an der BioFach Messe in Nürnberg. Das Projekt, der Businessplan und seine Haltung überzeugten mich. Die Zusammenarbeit kam zustande. Juan Pablo hat die Probleme in seinem Land erkannt und gesehen, dass er mit solchen nachhaltigen Wirtschaftsprojekten für die Menschen einen echten Unterschied bewirken kann. Das motiviert ihn. Und auch mich. So haben wir uns als Geschäftspartner mit gemeinsamen Werten gefunden.

Weiter ist Giovanni Porras mit im Boot. Er ist der Experte in Kolumbien, wenn es um biologischen Landbau geht. Ich kenne ihn bereits seit über 10 Jahren aus anderen Agroprojekten in Kolumbien. Head of Operations ist Diego Solano. Er arbeitete in einem Forstwirtschaftsunternehmen und liebt die Feldarbeit. Im Ganzen beschäftigt «Kardianuts» aktuell ca. 15 Mitarbeiter, die operativ arbeiten, plus vier Personen im Management, bzw. in der Administration.

«Pakka»: Wie lässt sich die Rolle von «Pakka» genau umschreiben?

Ueli: Pakka ist Investor und als Teil des Verwaltungsrates auch in die strategischen Diskussionen involviert. Zudem stellen wir unsere langjährige Erfahrung im Aufbau von Nuss-Wertschöpfungsketten zur Verfügung. Und natürlich ist Pakka auch sehr an den Produkten interessiert. Diese werden wir als Rohwaren oder unter der Pakka-Marke an Endkonsumenten verkaufen.

«Pakka»: Inwiefern unterscheidet sich «Kardianuts» von anderen Projekten, wo sich «Pakka» engagiert?

Ueli: Im Gegensatz zu anderen Pakka-Projekten, ist «Kardianuts» ein Pflanzungsprojekt. Die Zusammenarbeit mit den Kleinbauern kommt erst im zweiten Schritt. Das heisst, wir entwickeln auf der grünen Wiese ein Modell, das wir dann als Basis für die Entwicklung in der Region ausbauen wollen. Wir geniessen in dieser frühen Projektphase also die volle Kontrolle, ein Faktor, der vieles vereinfacht. Gleichzeitig sind wir aber dem ganzen unternehmerischen Risiko ausgesetzt.

«Pakka»: Warum entsteht dieses Projekt gerade in dieser Region Kolumbiens?

Ueli: «Kardianuts» befindet sich in einer «vergessenen» Ecke von Kolumbien. Der Staat ist kaum präsent, die Armut und Arbeitslosigkeit hoch. Zudem gibt es eine indigene Bevölkerungsgruppe, die komplett vernachlässigt wurde. Im Zuge der politischen Unruhen in Venezuela hat sich die Lage zusätzlich verschärft. Es geht also darum neue Wege zu finden um in dieser strukturschwachen, von Armut geprägten Region wirtschaftliche Impulse zu geben. Wir sind überzeugt, dass «Kardianuts» mit einem Projekt dieser Art einen enorm hohen Impact erzielen kann.

 «Pakka»: Warum ist gerade der Anbau von Cashews für diese Gegend interessant?

Ueli: Es gibt verschiedene Faktoren, die dafür sprechen in Kolumbien Cashews anzupflanzen. Erstens sind die natürlichen Begebenheiten für den Cashewanbau ziemlich gut. Die Böden sind sandig-lehmig und daher für andere Agrarprodukte unattraktiv. Der Cashewbaum jedoch ist sehr anspruchslos, ein Vorteil für diese Art von Boden. Zudem wurde die von uns verwendete Sorte speziell für diese Klimazone im Rahmen eines Forschungsprojekts entwickelt. Wasser ist ebenfalls kein Problem, es regnet in dieser Gegend relativ viel. Gleichzeitig ist die Sonneneinstrahlung ideal. Vergessen sollte man auch nicht, dass die Cashewpflanze ursprünglich aus Südamerika stammt, also «native» ist. Auch deshalb gehen wir davon aus, dass der Anbau mit den richtigen Sorten und einer guten Pflege gute Erträge bringen wird. Dass bisher noch niemand in grössere Pflanzungen investiert hat, ist eigentlich nur mit der politischen Situation [siehe Infobox] zu erklären.

Zweitens erlaubt der relativ hohe Cashew-Preis eine gute Wertschöpfung vor Ort, vorausgesetzt man verfügt über das Investitionskapital, um in die nachgelagerte Verarbeitung zu investieren. Und drittens haben wir mit den USA einen sehr starken Markt vor der Haustür. Von den 175’000 Tonnen Cashewkernen, welche die Amerikaner im 2018 konsumiert haben, kommen rund 150’000 Tonnen aus Vietnam, Indien und Afrika. Diese im sehr viel näher gelegenen Kolumbien zu produzieren, macht einfach mehr Sinn.

Die Voraussetzungen für den Aufbau einer Cashew-Produktion sind also vielversprechend und somit auch die Chance, der Region über extensive Landwirtschaft wirtschaftliche Entwicklung zu bringen.

«Pakka»: Welches sind die grössten Herausforderungen für «Kardianuts»?

Ueli: Die Logistikkosten sind insgesamt sehr hoch in Kolumbien, ein Umstand der die wirtschaftliche Entwicklung generell hemmt. Daher planen wir die Produkte von «Kardianuts» per Schiffstransport über den Orinoco-Fluss durch Venezuela an die Atlantikküste zu befördern [siehe Infobox]. So können wir die Exportkosten tief halten. Solange sich die Lage in Venezuela aber nicht stabilisiert, ist ein Transport über den Orinoco-Fluss keine Option. Wir hoffen also, dass es in Venezuela in den nächsten 3-4 Jahren zu einem Systemwechsel kommt. Müssten wir über Land exportieren, hätte dies einen starken Einfluss auf die Marge.

Ein grosses Thema ist zudem der Bio-Dünger um die Böden aufzubessern. Wie wir diesen herstellen, bzw. beschaffen, ist noch nicht geklärt. Auch der Bau der Verarbeitungsfabrik wird eine grosse Herausforderung. Insbesondere deshalb, weil es keine stabile Stromversorgung gibt.

Eine grosse Herausforderung in solch ländlichen, abgelegen Gebieten ist schliesslich auch immer qualifiziertes Personal zu finden. Dank der Zusammenarbeit mit Juan Pablo, der neben seinem Engagement bei «Kardianuts» in der Holzproduktion tätig ist, konnten wir ein bestehendes Team von qualifizierten und motivierten Personen übernehmen. Das ist enorm wichtig und eine grosse Freude.

«Pakka»: Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Ueli: Aktuell ist der Fokus beim Cashew pflanzen, die ersten Flächen sind bereits kultiviert. Es werden pro Jahr 250-400 Hektar gepflanzt, bis wir 2500 Hektar erreicht haben. Wie eingangs erwähnt, machen wir daneben Tests mit Erdnüssen, Ananas und Mango, um ein stabiles Agroforst-System zu entwickeln.

Gleichzeitig wollen wir die Anzahl Cashew-Setzlinge von 6000 auf 50’000 erhöhen. Damit können wir nicht nur unseren eigenen Bedarf decken, sondern auch Setzlinge an Externe verkaufen. Mit der Produktion von Cashew-Setzlingen wollen wir die ersten Einkünfte generieren.

Zudem sind wir weiterhin mit der Finanzierung von «Kardianuts» beschäftigt. Da sind wir noch nicht ganz am Ziel.

«Pakka»: Wann werden wir in den Genuss der ersten Cashews aus dem Hause «Kardianuts» kommen?

Ueli: In 3 Jahren werden wir voraussichtlich die ersten Kerne haben, in 4-5 Jahren eine erste grössere Ernte. Es braucht also noch etwas Geduld …

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